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Vorwort
von Hans Saner
Das Fest als Gesamtkunstwerk
Von einem heut vergessenen Berliner Lokalpoeten, Hermann Salinger stammt der Ausspruch: «Man muss die Feste feiern, wie sie fallen.» Der Satz ist zu einem geflügelten Wort geworden, das jedermann kennt und alle Welt zitiert. Aber was besagt es eigentlich?
Es scheint zu suggerieren, dass Möglichkeiten zu Festen sich zufällig geben und dass alles darauf ankommt, sie nicht zu verpassen. Die glückliche Gelegenheit und der ungeplante Zugriff wären die beiden Elemente eines Festes, das sich in einer Feier spontan verwirklicht.
Über Feste lässt sich nur schwerlich etwas Unrichtiges sagen. Sie fallen nicht vom Himmel, sondern sind entweder mit dem Lauf der Natur oder mit den wichtigsten Lebensdaten einzelner Menschen verbunden, entweder mit historischen Ereignissen einer Gruppe, eines Volkes oder gar der ganzen Welt oder mit kulturellen Anlässen der unterschiedlichsten Art und Ausdehnung. Die Festtage sind meist zum voraus kalendarisch fixiert oder werden persönlich vereinbart und festgelegt, und die Feiern werden vorbereitet bis in alle Einzelheiten hinein. Lange vor der reinen Gegenwart der Festfreude lebt man in einer erwartungsvollen Vorfreude, und die Tage vor dem Fest nennt man die «Vorfesttage». Sie stehen schon ganz im Zeichen des Festes. Dieses läuft dann, geschmückt von Ritualen, aber voll möglicher spontaner Abweichungen, im Rahmen einer vorgesehenen Ordnung ab, wenn auch mit der Möglichkeit von Ausbrüchen und Exzessen. Denn alle ordnungssichernde Kraft der Rituale vermag die Spontaneität nicht ganz zu zähmen, ja darf sich nicht völlig zähmen. Feste haben eine offene Flanke zum Rauschhaften. Das gehört zu ihrem dionysischen Element, das ebenso wichtig ist wie die bändigende Gegenkraft der Rituale.
Wenn wir also den Berliner Lokalpoeten nicht für dumm halten wollen, müssen wir sein geflügeltes Wort anders auslegen. Es sagt nichts aus über das Wann der Feste, sondern etwas darüber, dass und wie man sie feiern soll. «Mann muss die Feste feiern, wie sie fallen.». Also: man darf sie nicht ungefeiert vergehen lassen, und man muss sie so feiern, wie sie in ihrer Dynamik von Ritual und dionysischem Element es verlangen: in einer ambivalenten Offenheit.
Diese ambivalente Offenheit bringt es mit sich, dass ein Fest für jeden einzelnen Teilnehmer jederzeit kippen kann, und zwar auf zwei Seiten: in das dionysische Element, in dem er sich in seinen Abgründigkeiten verliert und in das rituelle Element, in dem es ihm in einer gestylten und formelhaften Lebendigkeit langweilig wird. Beide Abstürze verhindert weit gehend die Gemeinschaft der Mitfeiernden, weil sie mit Humor sowohl die Langeweile verscheucht als auch das dionysische besänftigt.
Allein kann man schwerlich ein Fest feiern. Zwei Menschen scheint die Mindestzahl zu sein. Aber die Zweiheit ist für ein Fest zu intim. Es gelingt leichter mit einer grösseren Gruppe, die auch ganz heterogen sein darf. Denn die individuellen Differenzen haben an einem Fest kaum eine sprengende Wirkung. Sie werden von einer gemeinsamen, heiteren Stimmung umgriffen und ausgeglichen. In ihr werden alle Teilnehmer differenzverträglicher: ideologisch, ästhetisch, moralisch und intellektuell. Man nimmt die Menschen mit einer Behinderung ebenso an wie die ohne Behinderung; man mag nicht nur die Linken oder die Rechten, sondern findet beide erträglich, ja eigentlich nett; man verurteilt nicht gleich, wenn man auf andere moralische Werte stösst, sondern zeigt ein heiteres Erstaunen und Interesse; und man stört sich überhaupt nicht daran, dass einige ein bisschen seltsam argumentieren – oder überhaupt nicht. Man lebt auf Zeit in einer eigenweltlichen Gemeinschaft, die sich nicht den Normen des Alltags verpflichtet fühlt, sondern den offeneren Regeln der Mitfeiernden.
Der eigenweltliche Charakter eines Festes bedeutet nicht allein, dass in ihm andere, offenere Regeln gelten, sondern auch, dass es in ihm einen besonderen Fes-Ort oder Fest-Raum gibt, eine Fest-Zeit und eine Fest-Gemeinschaft. Der Fest-Ort ist zwar vielleicht das Haus, in dem man jahraus jahrein wohnt. Aber diese alltägliche Wohnstätte wird für das Fest geschmückt, so dass sie eine andere, eben eine festliche Wohnstätte wird. Die Fest-Zeit ist als Gegenwart weder bloss die Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft noch die dichte Zeit, in der wir uns mit der Welt einlassen, um unseren Pflichten nachzukommen; sie ist eine kurz-weilige Gegenwart, die uns zu nichts verpflichtet, sondern uns für das Fest freistellt. Die Fest-Gemeinschaft schliesslich wird auf Zeit allein durch das Fest zusammengeführt. Sie geht nach dem Fest wieder auseinander, ein jeder an seinen Ort, zu seinen Aufgaben und in die alltägliche Gruppe, die durch Beziehungen ganz unterschiedlicher Art und Nähe zusammengehalten wird.
Eigenweltlichkeit ist ein Merkmal aller Spiele. Ist ein Fest also ein Gemeinschaftsspiel? Ja und Nein. Ja, weil es sinnvoll, aber zweckfrei gestaltet ist, wie ein Spiel. Nein, weil es mehr als ein Spiel ist. Zu einem Spiel nämlich gehört fast nichts: einige Karten, ein Brett, ein Platz, ein Ball oder – zum Beispiel bei Ratespielen – überhaupt nichts. Alles Spielen schliesst in seiner Eigenweltlichkeit einen Weltverzicht ein. Das Spiel ist so eine sublime Form der Askese, der Genügsamkeit, die nicht weh tut, sondern uns heiter stimmt. Zu einem Fest dagegen gehört viel und vieles: gutes Essen und Trinken, angeregte Gespräche, Musik, Tanz und Bewegung, ein geschmückter Ort, besondere Kleider, eine fröhliche Stimmung und eine metaphysische Leichtigkeit des Seins – jenseits der alltäglichen Sorgen und Besorgungen. Ein Fest kennt keinen Hang zur Askese, sondern eine Vorliebe zur Schönheit, zu Fülle und Verschwendung. Es bietet für alle Sinne etwas Besonderes in reichem Mass. Zugleich ist es gesteigerte und freie Tätigkeit. Es ist ein Gesamtkunstwerk, dessen autonome Teile wir sind: die Miniatur einer besseren Welt.
Sollte man also das ganze Leben als Fest verbringen? Das Fest ginge dabei in seiner Besonderheit verloren. Es würde zum Alltag. Wir müssten dann ein Antifest zum Fest erklären, um wieder Feste feiern zu können. Deshalb fragt es sich: Wie viele Feste verträgt der Mensch? Und auch: Wie viele Feste hat er nötig?
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LESEPROBE | FESTFREUDE
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| Tages-Anzeiger,
März 2005
«Die als EPI bekannte Epilepsieklinik in Zürich hat
dem Fotografen Giorgio von Arb den Auftrag gegeben, die Feste in der Klinik
aufzunehmen. Sie spielen im Jahreslauf der dort oft jahrelang lebenden
behinderten Epilepsiekranken eine wichtige Rolle. Giorgio von Arb ist
ein erzählerisch dichtes Buch gelungen, dessen besondere Qualität
darin besteht, die Behinderung weder zu beschönigen noch als bedauernswertes
Schicksal darzustellen. Was nur möglich ist, weil sich der Fotograf
intensiv mit dem Leben in der EPI auseinander gesetzt hat. Da ist nicht
einer mit der Kamera vorbeigekommen und hat kurz mal abgedrückt.
Und muss an einem Fest immer nur gelacht werden? Viele der Behinderten
sind sehr in sich gekehrt. Ein eindrückliches, glaubwürdiges
Protokoll.»
Tagblatt der Stadt Zürich, Dezember 2004
«Seit etlichen Jahren fotografiert Giorgio von Arb für das
Schweizerische Epilepsie-Zentrum, die Epi. Bislang haben seine Bilder
die Jahresberichte illustriert. In den vergangenen zwei Jahren hat er
die Epi an deren Festtagen besucht: Fasnacht, Chilbi, 1.-August-Feier,
Krippenspiel. Was er fotografierte, ist zu einem geworden: ‹FEST
Freude› heisst es – eine, wie Epi-Direktor Christoph Pachlatko
schreibt, ‹einmalige Sammlung ausdrucksstarker Aufnahmen›.
Es zeigt Menschen, wie von Arb sagt, die ‹in ihrer Selbstverständlichkeit›
beeindrucken und vor denen die herkömmliche Sprache ‹wunderbar›
versagt habe.»
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