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Das Weiss des Augustmondes
Von Christian Schmidt
«Martand Singh (*1947) ist Direktor des INTACH (UK) Trust, Ableger
des Indian National Trust for Art and Cultural Heritage in New Delhi.
INTACH ist die bedeutendste Nichtregierungsorganisation für kulturelle
Belange in Indien. Nach seinem Kunststudium an der Universität in
New Delhi arbeitete Singh als Designer für Pierre Cardin, Hanae Mori,
Capucci u.a. Er war Kurator zahlreicher Ausstellungen, so von «Royal
Costumes of India» im Metropolitan Museum of Art in New York und
von «The Contemporatory Tradition», gezeigt im Victoria Albert
Museum in London. 2002 organisierte er die Ausstellung «The fabric of
our freedom» zum Thema Khadi. Singh, nebenbei auch Kunstberater
der Weltbank, trägt meistens Khadi – in den Farben schwarz,
weiss oder ecru. «Meine Beschäftigung mit Khadi nenne ich meinen
Schwanengesang. Es ist das letzte Thema, dem ich mich widme, oder sagen
wir, es ist zumindest die letzte Textilie, denn ich fühle mich bereits
ziemlich alt. Zum Abschluss dieser Lebensphase habe ich das richtige Thema
gefunden: Nichts erreicht die Feinheit und Ausgewogenheit eines Stoffes,
der handgewoben und handgesponnen ist. Ich mag falsch liegen, doch ich
habe viele Textilien berührt, und die Berührung wird mir immer
wichtiger, je mehr ich darüber nachdenke; sie wird mir wichtiger
als der visuelle Eindruck. Was fühle ich? Was sagen mir diese Fasern?
– Ich habe die Frauen in den Dörfern Indiens beobachtet. Sie
suchen immer nach den besten Stoffen, weil sie ihren Kindern die feinsten
Kleider anziehen wollen, handgesponnene und handgewobene. Niemand weiss
besser als sie, was gut ist.
Khadi ist der Endpunkt einer langen Geschichte. Begonnen hatte meine Reise
ins Land der Textilien, als ich noch ein kleines Kind war. Aufgewachsen
als Sohn eines Prinzen und einer Prinzessin – mein Grossvater war
Maharadscha –, sah ich die auserlesensten Stoffe. Meine Familie
besass unzählige dieser wunderschönen indischen Brokatmäntel,
und täglich sah ich meine Mutter in ihren Saris. Die Stoffe eröffneten
mir eine neue Welt. Weil ich ganz in sie eintauchen wollte, änderte
ich meine Lebenspläne. Ich entschied, die Pläne für eine
Ausbildung in Cambridge aufzugeben und in Indien zu studieren. Dabei verliebte
ich mich. Ich verliebte mich in dieses Land. Ja, eine Frau spielte auch
eine Rolle. Sie zeigte mir Indien, sie wurde mein Guru. Sie erzählte
mir, welche Rolle das Weben in den indischen Sagen über die Entstehung
der Welt spielt: Die Kettenfäden sind die Sonne, die Schussfäden
der Mond. Sonne und Mond weben den himmlischen Teppich. Von ihr lernte
ich nach dem Gehör zu erkennen, welchen Webstuhl, welches Schiffchen
ein Weber benutzt und welcher Stoff gerade entsteht. Eine Textilie hört
man zuerst! Ich lernte die Stoffe am Geruch zu unterscheiden: Wie sehr
anders riecht Baumwolle verglichen mit einem Seidenkokon oder der Wolle
eines Schafes. Ich lernte zu verstehen, welche unterschiedliche Bedeutungen
die Farben der Stoffe haben – dass es in Kerala fünf verschiedene
Weiss gibt: das Weiss des Augustmondes, das Weiss der Jasminblüte,
das Weiss der Meeeresgischt, das Weiss der Kegelmuschel und das Weiss
der Wolken, nachdem sie sich ausgeregnet haben. Weiss ist die wichtigste
Farbe, denn aus dem Weiss des Eis entsteht die Farbenpracht des Pfaus.
Khadi entdeckte ich mit knapp dreissig Jahren. Ich begann mich damals
neu zu orientieren, weg von der europäischen Erziehung, die ich in
meinem Elternhaus erhalten hatte, und damit auch weg von den Kleidern
des Westens. Um es klar zu sagen: Bedeutet hatte mir die europäische
Mode nie viel. Die Kleider waren zwar «in», aber das wars.
Ich begann nun Kurta und Paijama* zu tragen, die traditionelle indische
Kleidung. Der Entscheid fiel aber nicht aus politischen Gründen,
obwohl ich Gandhis Idee der Gewaltfreiheit unterstütze und ein Stück
der neueren Geschichte Indiens mit diesem Stoff geschrieben werden kann.
Ich trage Khadi, weil der Stoff bequem ist – und weil er sich so
unglaublich anfühlt. Ach, nichts ist leichter und luftiger an einem
heissen Sommertag. Und was würde ich tun ohne das Halstuch, mit dem
ich die Stirn tupfe! Das Erstaunlichste an Khadi ist aber, dass der Stoff
umso bequemer wird, je älter er wird. Er gewinnt an Feinheit. Der
Stoff ist ein Hauch auf der Haut. Am besten gefällt er mir im Weiss
des Augustmondes.
Für Khadi setze ich mich nicht nur ein, weil es ein wunderbarer Stoff
ist. Es ist auch sehr viel handwerkliches Wissen damit verbunden. Der
Stoff darf nicht verschwinden. Es ist wie mit den bedrohten Tierarten.
Sterben die Tiger aus, wird es nie mehr Tiger geben. Die Welt wird ärmer.
Gehen Fähigkeiten verloren, weil kein Bedarf mehr besteht, so soll
man den Dingen ihren Lauf lassen. Ist aber Ignoranz die Ursache, wie bei
Khadi, so ist das traurig. Nichts spiegelt die Kultur eines Landes so
gut wie Kleider – und Architektur. Wir leben in Häusern, und
unser ganzes Leben lang sind wir von Stoffen umgeben. Die Kenntnisse der
Weber und Spinnerinnen zählen für mich deshalb zum kulturellen
Erbe dieses Landes. Ich habe selbst spinnen gelernt, um zu erfahren, was
es bedeutet. Es ist faszinierend. Wenn du wirklich dabei bist und in deinem
Kopf die Gedanken so stetig fliessen wie sich der Faden auf die Spindel
wickelt, so tauchen bald existentielle Fragen auf: Wer bin ich? Woher
komme ich? Ich habe auf diese Weise viel über mich erfahren. Bis
dahin hatte ich angenommen, meine Zeit kontrollieren zu können. Jetzt
weiss ich, dass das nicht stimmt.
Wenn ich Khadi als meinen Schwanengesang bezeichne, so bedeutet das, dass ich ein sehr langes Sabbatical nehmen werde. Vielleicht muss ich mein Leben auf den Kopf stellen. Vielleicht werde ich Dinge lernen, von denen ich heute noch nichts weiss. Aber sicher werde ich zum Geschichtenerzähler. In der indischen Tradition gibt es diese Figur. Ich werde all den jüngeren Menschen, welche die Welt so anders sehen, über die Welt der Textilien erzählen. Ich werde Ihnen mein Leben als eine Reise erklären, eine Reise gewoben aus Stoffen.»
*Paijama ist die indische Männer- und Frauenhose. Die Tageshose
wurde zur Vorlage für den im Westen gebräuchlichen Pyjama (Schlafanzug).»
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LESEPROBE | KHADI TEXTILE OF INDIA
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| Der Landbote,
März 2003, Angelika Maass
«Vier Männer und eine Frau kommen in fünf Kurzporträts
im schmalen Bildband zu Wort, der ein komplexes Thema anschneidet und
mancherlei Fragen von allgemeiner Bedeutung aufwirft, die im beschränkten
Rahmen des Buches natürlich nicht beantwortet werden können.
Trotz der wenigen Textseiten – neben den Kurzporträts sind
es das knappe Vorwort und ein neunseitiger Essay über die historischen
und politisch-ökonomischen Zusammenhänge – und der nicht
immer ausführlichen Bildlegenden ist erstaunlich viel über dieses
viertausend Jahre alte Handwerk zu erfahren, das im vergangenen Jahrhundert
im Kontext der indischen Unabhängigkeitsgeschichte so grosse Bedeutung
erlangen sollte.
Ungleich umfangreicher als der Textteil ist der Bildteil gehalten, der
in 47 expressiven Schwarzweissfotografien das eigentliche Handwerk, die
Entstehung des Gewebes und dieses selbst schildert und in 26 Farbaufnahmen
Einblick in Modeateliers gibt und in jenen Bereich, der sich mit dem «fertigen»
Stoff auseinander setzt. Autor dieser Fotografien ist Manuel Bauer, ein
Meister der klassischen Bildreportage, die schwarzweiss besonders intensiv
spricht. Wir verfolgen einzelne Arbeitsschritte aus nächster Nähe,
ganze Arbeitssitutationen: Das ist spannend und im ausschliesslichen Wechselspiel
von Hell und Dunkel dem kunstvollen Produkt Khadi besonders angemessen.»
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ECHO | KHADI TEXTILE OF INDIA
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