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Aus: Vereint sind wir stärker
Von Nadine Olonetzky
«Der Verein geht uns hier und jetzt etwas an. Das ist eine der Voraussetzungen,
die das Interesse am Projekt prägen. Der Verein interessiert also
nicht als historisches Phänomen, sondern wird Gegenstand einer aktuellen
Bestandesaufnahme. Wir befragen in einer repräsentativen Stichprobe
die Schweizer Bevölkerung, wie sie zum Modell Verein heute steht.
Wir arbeiten erstmals heraus – und das ist das Besondere der Untersuchung
–, was die Gründe und Motive der Vereinstätigkeit sind.
Wir vertiefen in Interviews, die wir mit Vereinsvertretern aus Kriens
führen, Fragen nach der persönlichen Motivation. Wir zeigen
mit den Gruppenbildern des Zürcher Fotografen Tobias Madörin
ein Bild der Vereine in der Schweiz und vermitteln einen Eindruck des
Kontexts, in dem sich die Vereinsarbeit heute entfaltet. Wir pflegen einen
Austausch mit den Vereinen am Ort, um uns des Bezugs zum Untersuchungsgegenstand
immer wieder zu vergewissern. Wir zeichnen also, ohne das Phänomen
«Verein» zu beschönigen, ein differenziertes Bild aktueller
Vereine und ihrer Vereinsmitglieder. Diesen Massnahmen liegt die Absicht
zugrunde, Einblicke in das «Innenleben» der heutigen Vereinstätigkeit
zu ermöglichen und das Modell sozusagen aus der Innensicht zu beurteilen.
Der Verein hat Zukunft. Rund vier Fünftel der Schweizer Bevölkerung
geben dem Modell laut Umfrage eine Bedeutung über die Gegenwart hinaus.
Die Jungen beurteilen dies nicht anders als die Alten. Dafür gibt
es unterschiedliche Gründe. Der Verein gilt als ein tragendes Element
unserer Gesellschaft. Deutlich ablesbar ist dies an der Beteiligung der
Schweizer Bevölkerung am Vereinsleben. Die Vereinstätigkeit
erhält zusätzlich Bedeutung, wenn wir uns den Anteil an unentgeltlich
geleisteter «Arbeit» für den Gemeinnutzen vergegenwärtigen.
Das Vereinsmodell stellt ausserdem der Individualisierung die Organisationsform
von Gleichgesinnten gegenüber. Vereinsaktivität stellt unter
dem Aspekt von Kooperation ein wichtiges Instrument dar, um gleichsam
unsere Gesellschaft zu strukturieren. Und der heutige Verein hat ein erhebliches
Integrationspotenzial für Zugewanderte, das es noch vermehrt zu nutzen
gilt. Die Zukunft des Modells Verein bezieht sich also zugleich auf die
Zukunft der Gesellschaft, in der wir leben.
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LESEPROBE 1 | GLEICHGESINNT
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Lampenfieber, so eine nicht hieb- und stichfeste Theorie, sei ein Relikt aus der Zeit, als wir noch in Höhlen wohnten. Man lebte im Familienverbund, bewegte sich zum Jagen und Sammeln mit Vorteil in der Gruppe. Wollte es der Zufall oder das Unglück, dass man unversehens alleine einem fremden Clan gegenüberstand, dann konnte es um Sein oder Nichtsein gehen. Die Angst also, die die Heutigen befällt, wenn sie vor fremden Menschen eine Rede halten müssen, dieses Lampenfieber sei als das vergleichsweise ungefährliche, kultivierte Pendant zur existenziellen Bedrohung von damals im Grunde dieselbe archaische, tief in unserem kollektiven Gedächtnis sitzende Todesangst: ausgesetzt zu sein vor einem fremden Clan. Ob das nun stimmt oder einfach nur schön erfunden ist – vereint sind wir stärker, das ist ein bewährtes Überlebenskonzept. Sich in Gruppen und Grüppchen zusammenzuschliessen, sich ein Gschpänli zu suchen, wofür auch immer, das ist besser, sicherer, schöner – meistens jedenfalls.
Wahlfamilie
Hat die Familie, in die man hineingeboren wurde, oft den unbestreitbaren Nachteil, dass Mütter, Väter, Töchter, Söhne, Schwestern, Onkel und Grosseltern mitnichten das bieten, was man sich von ihnen wünscht, dass man mit ihnen niemals Feste feiern würde, wären sie nicht verwandt, so haben die Wahlverwandtschaften, die man mit Freunden, in Vereinen und Clubs eingeht, doch eine entschieden bessere Perspektive: Die anderen Mitglieder im Kirchenchor, Ansichtskartensammler-Kartell, Kakteenverein oder Käfer-Cabriolet-Club sind die echten Brüder und Schwestern. Die anderen Zwillinge im Zwillingsclub kennen Glück und Unglück des doppelten Daseins, die Mitstreiter im Verkehrs- und Verschönerungsverein ziehen am selben Strick, wenn es ums Aufstellen neuer Bänke geht, im Badminton-Club finden sich die passenden Spielpartner. Eine Freude oder auch ein Leid zu teilen, gemeinsam ein bestimmtes Ziel zu verfolgen, sich darüber hinaus finanziell auf eine sicherere Basis zu stellen, ist denn auch der Zweck dieser Wahlgemeinschaften. Doch Verein ist natürlich nicht gleich Verein. Während die Trachtengruppe Nesslau-Neu St. Johann neben der Erhaltung von Brauchtum und Volkstanz auch geselliges Beisammensein pflegt, der Schwule Männerchor Zürich anspruchsvolle Männerchorliteratur aufführen und zugleich auf seine politischen Anliegen aufmerksam machen will, sollen im Damen-Schlittschuhclub Rapperswil-Jona «jugendliche Frauen zum Teamgeist erzogen» und ihre körperliche Verfassung durch Eishockeytechnik gestärkt werden. Gemeinsame Unterhaltung und Freundschaft sind in vielen Vereinen wichtigster Sinn und Zweck, und das tut man mitunter auch mit einer Portion Selbstironie kund: So wurden die Bierfreunde Morschach «im Jahre 2000 n. Chr. ins Leben gerufen, um die Bierkultur in der Innerschweiz zu erhalten und die Freundschaft unter den Mitgliedern zu pflegen». Doch auch lokal-schweizerische Sektionen von Amnesty International, politische Parteien oder die Pro Natura sind Vereine. Feuerwehrmänner oder Hoteliers, Kaufleute und Kindergärtnerinnen, Eisenbahner, die Schwerhörigen und die von einer Scheidung Betroffenen organisieren sich auf diese Weise. Die einen haben also vor allem den Spass im Auge, die andern engagieren sich für ein bestimmtes Anliegen, dritte helfen sich damit selbst.
Einen Verein zu gründen ist in der Schweiz keine Hexerei. Schon zwei
Personen, die sich über den Zweck einig sind, können die Gründung
rechtskräftig machen. Zu finden sind ein Name, natürlich Mitglieder
und ein Vorstand, zu schreiben sind ferner ein Gründungsprotokoll
und Statuten, zu eröffnen ein Konto bei der Bank. Und los geht’s:
Man setzt sich ein für Tiere oder die Natur, pflegt die eigenen Wurzeln
(Appenzeller Verein Glarnerland, Verein Ägypter in der Schweiz) oder
engagiert sich für kulturelle Ziele (Verein Kunsthalle Zürich).
Wieder andere verfolgen wirtschaftliche, religiöse oder wissenschaftliche
Inhalte, soziale oder humanitäre Zwecke wie etwa die Spitex-Organisationen.
Ob kurios oder ganz unauffällig, gross oder klein, nur für wenige
Leute bedeutsam oder international vernetzt, vor allem am Austausch von
Fachwissen interessiert, auf Gemütlichkeit und Unterhaltung aus oder
auf politisch oder karitativ brisantem Gebiet engagiert – das Spektrum,
das die Vereinsstruktur ermöglicht, ist breit.»
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LESEPROBE 2 | GLEICHGESINNT
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| Der Landbote,
Dezember 2003
«Zum Verein gehört das Vereinsfoto. Die einst modischen,
heute aber oft komisch steif wirkenden Vereinsporträts sind allerdings
durch das wilde Fotografieren abgelöst worden. Der Fotograf Tobias
Madörin hat nun die Tradition dieses Genres wieder belebt. In 36
grossformatigen Fotografien, in denen er sich manchmal listig an alte
Muster der Inszenierung anlehnt, manchmal neue Formen dafür sucht,
zeigt er das weite Spektrum des helvetischen Vereinslebens. [...] Für
alle Vereine findet er eine ebenso diskrete wie kunstvolle, «je
ganz bestimmte Konstellation von visuellen Zeichen» (Nadine Olonetzky),
in welcher Anschein und Innenleben wunderbar aufgehoben sind. Im Band
«Gleichgesinnt» sind diese Bilder mitsamt der Vereinsumfrage
ausgesprochen schön zur Geltung gebracht.»
Der Bund, Februar 2004
«In ihrem Essay im Buch nennt Nadine Olonetzky den Verein ‹ein
temporär genutztes Nest›. Das Vereinslokal ist das Hauptquartier,
hier stehen die Insignien und Utensilien des gemeinsamen Tuns. [...] Die
immer wieder gleichen Strukturen vor immer wieder anderer Kulisse: Dank
ihnen sind Vereine Integrations-, ja Zukunftsmodelle mit elementarer sozialer
Funktion.»
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ECHO | GLEICHGESINNT
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