| Aus den Arbeitsnotizen von Livio Piatti
«Juli 2002
Steige in den Zug nach Lugano, 1. Klasse Nichtraucher. Höre, kaum Platz genommen, ein Piepsen. Zwei Abteile hinter mir sitzt ein älteres Ehepaar mit zwei Wellensittichen. Habe zum Glück die Kamera dabei. Im Auto im Gotthard-Stau wäre so etwas nie passiert.
November 2002
Auf dem Weg ins Wochenende, irgendwo hinter Jona in der Kolonne, führt am Strassenrand ein Polizist einen Schafbock an einer Schnur. Zum Glück kann er wegen einer Mauer nicht von der Strasse, so reicht mir die Zeit anzuhalten, die Kamera aus dem Kofferraum zu nehmen und einen Film einzulegen. Nach einigen Bildern überquere ich die Strasse und stelle mich Polizist A. vor. Wo der Bock abgehauen ist, weiss er nicht, wird sich wohl herausfinden lassen. Glück für den Polizisten, dass es ein braves, friedliches Tier ist, das recht freiwillig mitgeht. Wenn ich da an Bambino denke, den Schafbock in der damaligen «Schönegg-WG», den man keine Sekunde aus den Augen lassen durfte, wenn man sich mit dem Rücken der Mauer entlang drückte, um ihm sein Heu zu bringen.
August 2000
Weltmeisterschaft in Hundedressur in Baar, veranstaltet vom Hundeclub March-Höfe. Grosser Aufwand mit Tribüne und Blasmusik. Fussball-Junioren tragen Länder-Täfelchen wie an der Olympiade. Sie hätten sich darum gerissen, vor allem um jene der USA und von Japan. Sehe nur einen kleinen Show-Block mit Agilty, Sennenhunden und Bernhardinern sowie Einzelvorführung eines Such- und Schutzhundes. Preisverleihung mit Medaillen und Pokalen, auf dem Podest zerren alle ihren Hunden am Halsband, damit die auch ja strammstehen und nicht in der Gegend herumschauen. Konstante Kontrolle über den eigenen Hund, um irgendwann durch ihn Kontrolle über andere Menschen ausüben zu können.
Mai 2001
Ein Vormittag mit Frau Dr. L., Grenztierärztin am Flughafen Zürich. Eine sympathische Person, die versucht, den vielen verschiedenen Tieren, für die sie eine kurze Zeit zuständig ist, etwas Schutz und Sicherheit zu geben. Im Büro muss sie den Papierkram für zwei Katzen, die nach Australien auswandern müssen, erledigen. Dann begutachtet sie im Fracht-Zwischenlager eine Ladung Fische aus Indien, eine Ladung Hummer und einen Tank mit tiefgefrorenen Stiersamen. In den «Stallungen» hat es nur eine Ladung Kisten mit eingepferchten Brieftauben und einen kleinen, 3-monatigen Terrier aus Peru. Er darf nicht einreisen, weil er kein Impfzeugnis hat und weil er kupiert ist. Der Besitzer hat sich zwar bemüht, in Peru alles richtig zu machen, aber die Schweizer Botschaft gab ihm falsche Angaben. Nun muss dieses winselnde kleine Ding in diesem Käfig ausharren und zittert vor Freude und Sehnsucht am ganzen Leib, als wir in den Raum kommen und mit ihm sprechen. Frau L. sagt, sie versuche jeweils einen Ort zu finden für solche Tiere, wo sie ihre Quarantäne in etwas angenehmerer Umgebung absitzen können.
Sie zeigt mir ein Buch von IATA, in dem für jedes Tier ganz genau vorgeschrieben ist, wie es transportiert werden muss oder darf. Immerhin: Minderung des grössten Leidens. Ein Riesenunsinn, diese Massentransportierung von lebenden Tieren.
26. Juni 2000
An einem Filmdreh an der Seepromenade. Es wird mit einem Hund gedreht, ich kann ihn aber nicht fotografieren, zu komplizierte Bildrechte etc. Treffe dafür den ulkigen Amerikaner Lee, der seinem Wellensittich im «Spazierkäfig» die Welt zeigt. Er erzählt, er baue für den Vogel, dem die Flugfedern schlecht wachsen, einen Deltasegler aus Trinkhalmen, auf dem er dann fliegen werde. Habe seine Telefonnummer, mal schauen, was draus wird.
Dezember 2000
Ein Zürcher Spitzenkoch erzählt mir, wie er auf Wunsch seiner Gäste einmal einen Kochkurs für das Zubereiten von Meeresfrüchten und Krustentieren abhielt. Dabei mussten die Gourmets auch einen lebenden Hummer ins kochende Wasser geben, die übliche Tötungsart. Er sagte, er werde das nie mehr machen, die Leute seien stinkhässig geworden, dass er ihnen das zumute. Wenn er heute so etwas wie Kurse gebe, dann nur mit toten, zerlegten Tieren, von denen er behaupte, sie würden so geliefert.
Februar 2000
In der Zeitung von einer anonymen Sendung an die Polizei mit abgehackten
Luchspfoten – ein Auswilderung von Luchsen – gelesen. Mit
zwei Telefonaten nach Bern bekomme ich die Erlaubnis, die Pfoten, die
zur Zeit im Tierspital aufbewahrt werden, zu fotografieren. Im Seziersaal
liegen auf grossen Stahltischen aufgeschnittene Kühe und Schafe,
und es riecht eher ziemlich schlecht. Da kein Tisch frei ist, kann ich
die Aufnahmen in einem kleineren Raum machen. Die Pfoten sind tiefgefroren,
doch durchaus fotografierbar. Als ich am Arbeiten bin, kommt einer und
schneidet neben mir einen Fuchs auf. Bis jetzt keine Magen- oder anderen
Probleme.»
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LESEPROBE 1
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Aus «Komplizen der Einzigartigkeit. Tiere im Kommunikationsraum des Menschen»
Von Tilman Allert
«Das Verhältnis von Mensch und Tier ist in der Regel Gegenstand
einer Verklärung, die – so vermuten wir – höchst
einseitig ist. Wie sich den Tieren die eigentümliche, mal todbringende,
mal einschmeichelnde Aufdringlichkeit der menschlichen Gattung darstellt,
das bleibt ihr ewiges Geheimnis. Sieht man einmal ab von den kleinen und
grossen Paniken der Tiere, denen Menschen zu nahe treten – das Fellsträuben,
den Warnruf, die Flucht oder den Angriff – bleibt es dem Menschen
vorbehalten, das Verhältnis in seinen Voraussetzungen und Folgen
zu überschauen, ja es überhaupt als ein Verhältnis wechselseitiger
Beziehung wahrzunehmen. Angesichts der Asymmetrie der Wahrnehmung bleibt
nur die Chance, sich dem unverstehbaren Horizont tierischer Daseinsführung
über Vergleiche zu nähern. Historisch und systematisch ist von
der Beziehung auszugehen, unter deren Perspektive Tiere als Sachen behandelt
werden. Erst wenn das Tier aus dem Wertbezug der Verwertbarkeit entlassen
ist, entsteht der Gedanke, ihm in unterschiedlichen Formen kommunikativer
Wechselwirkung zu begegnen – irgendwo zwischen Partnerschaft und
Gegnerschaft. In der Kommunikationsvielfalt der Gattung Mensch wird das
Tier eine eigenständige Grösse. Nicht mehr seine Naturhaftigkeit
ist von Belang, sondern es wird Träger einer Idee, es bevölkert
einen Raum von Sinnzuschreibungen, in dem Menschen sich das Drama ihrer
Herkunft sowie die Undurchschaubarkeit ihrer Zukunft verständlich
machen.
Die Bezugnahme auf das Tier mag sentimental, unrealistisch und verklärend
sein. Aber Mitleid und Aufmerksamkeit setzen voraus, dass Tiere folgenreich in
den Kommunikationsraum des Menschen eingetreten sind.
Tiere stehen in einem Wertbezug zu den für Menschen verbindlichen
Ethiken. Sie geraten gleichsam unter den ethischen Schutz eines Selbstverständnisses,
das sich primär auf die eigene Gattung bezieht und sich durch das
Bemühen auszeichnet, die dem Menschen undurchschaubaren Motivationen
plausibel zu machen. Ziel dieser Selbstreflexion ist das Bewusstmachen
und die Anerkennung der tierischen Strebungen, die das Handeln bestimmt,
aber nicht ohne weiteres zugänglich ist. Menschen denken über
sich nach und erschliessen sich somit ein Bewusstsein ihrer Begrenztheit.
Dies umfasst das Erkennen der ersten Natur, das Erkennen der eigenen Antriebsbasis.
Insofern sich die Menschen hierbei ihrer eigenen Naturhaftigkeit bewusst
werden, rücken sie zwangsläufig in die Nähe des Tieres.
Am Tier und in projektivem Bezug auf dessen artspezifischen Fertigkeiten
der Lebensbewältigung, kommen sie sich selbst näher. Die gespaltene
Zunge der Schlange sei hier als das bekannteste und wohl folgenreichste
Beispiel einer derartigen stellvertretenden Vergegenwärtigung von
Handlungsdispositionen angeführt. Auch der Stier, der Fuchs, der
Esel und etliche andere werden als Vorlagen für Sinnzuschreibungen
geadelt; die Anmut der körperlichen Bewegung, die Heftigkeit des
Auftretens, die gedankliche Komplexität des Einfalls oder dessen
Ausbleiben. Tiere bilden das Lexikon der Grammatik menschlicher Daseinsgestaltung,
der Löwe sogar übernimmt die Patenschaft bei der Namensgebung.»
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LESEPROBE
2 | ZOOREAL
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Aus «Tier sein dürfen»
von Antoine F. Goetschel
«Piattis Aufnahmen von Hunden belegen die grosse Bandbreite, innerhalb
welcher man der Frage nachgeht, ob das Tier wirklich als eigenständige
Kategorie wahrgenommen wird. Tiere, besonders Hunde und Katzen, ersetzen
häufig menschliche Sozialpartner. Sie erfüllen damit eine wichtige
Aufgabe. Wird ihnen aber auch genügend Bewegung, Kontakt mit Artgenossen,
tiergerechte Nahrung, Kommunikation und Beschäftigung eingeräumt?
Oder erhalten sie vielleicht ein Zuviel an Aufmerksamkeit, wenn sie etwa
wie Prinzen herausgeputzt und – im Gegensatz zu diesen – ausgestellt
und prämiert werden? Werden wir im Hundesport nicht eher an Autorennen
erinnert? Erkennen wir, wie die Tiere als ganzheitliche Wesen verstanden
und behandelt sein wollen? Ob zum Beispiel Hunde ihr Tiersein und ihre
Individualität ausleben können, ist für mich ein entscheidendes
Kriterium.
Wie verwischt oder künstlich die Grenze zwischen Mensch und Tier ist, zeigen
andere Abbildungen mit Heimtieren: Der Wellensittich auf einem eigens konstruierten
Drachenflieger oder eingesperrt im Hüpfkäfig, der Leguan in einer Menschenhand,
die selbst als Leguan tätowiert wurde. In Piattis Aufnahmen kommt die Verbundenheit,
die eigentliche Seelenverwandtschaft zwischen Haltern und ihren exotischen Haustieren
zum Ausdruck. Nur folgerichtig also, dass das Tier nicht mehr als Sache bezeichnet
wird.
Landwirtschaftliche Nutztiere werden ebenfalls der Kategorie der Haustiere
zugerechnet. Wie selbstverständlich geht unsere Zivilisation von
der grundsätzlichen Berechtigung aus, Tiere zu töten, um sie
zu essen. Auch Wolle, Leder, Eier, Honig stehen uns – vermeintlich
zu Recht – zur Verfügung. Die Frage, ob wir Tiere töten
dürfen und zu welchem Zweck, wird in der Tierethik ausführlich
besprochen und eher abschlägig beantwortet. So darf ein Wirbeltier
in Deutschland zum Beispiel bloss aus ‹vernünftigen Gründen›
getötet werden, andernfalls liegt Tierquälerei vor. Vernünftig
– als würden Vernunft und Verstand den Fleisch- und Fischverzehr
geradezu vorschreiben. Von der massenhaften Tiertötung aus Gründen
der Marktregulierung nach Fleischskandalen ganz zu schweigen. Die Ahndung
von Verstössen gegen dieses – nur in Deutschland, (noch) nicht
in der Schweiz geltende – Verbot beschränkt sich im Wesentlichen
auf die Fischerei, falls Fische im Übermass und nicht allein zwecks
Nahrungsmittelgewinnung getötet werden, und auf das Töten von
Tieren aus Leichtfertigkeit.»
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LESEPROBE 3 | ZOOREAL
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| du, März
2004
«Tierfotografie, das kennen wir doch. Aber der Zürcher
Fotograf Livio Piatti ist kein Tierliebhaber mit verzärtelndem Blick,
sondern untersucht ebenso witzig wie soziologisch die Beziehung von Tier
und Mensch. Wie verändert die Wahlverwandtschaft die beiden ganz
andersartigen Wesen und inwiefern nähern sie sich an? Wird der Mensch
zum Tier, wenn das Tier zum Menschen wird?»
Aargauer Zeitung, Dezember 2003
«Piatti will nicht moralisieren. Auch wenn er sich bewusst
ist, dass die Auswahl der Bilder für den Band bereits eine Art Wertung
war, so überlässt er das Denken und Werten lieber dem Betrachter.
Er sei weder militanter Tierschützer noch Vegetarier. Es sind Bilder
aus der Realität, die der Fotograf mit einfachster Ausrüstung
festgehalten hat. [...] Piattis ‹zooreal› hat zwar Tiere im
Fokus, doch das Buch ist zugleich auch Dokument einer menschlichen Haltung,
eines bestimmten Umgangs mit der Um-, sprich der Tierwelt. Wie meint Livio
Piatti lakonisch: ‹Ich war schon immer ein Menschenfotograf.›»
Neue Zürcher Zeitung, Januar 2004
«‹Zooreal – Menschen und Tiere› ist latent
lakonisch, und Piattis Sympathie gilt, ohne vordergründige Urteile
zu fällen, unverhohlen der sogenannten stummen Kreatur in 76 Variationen,
als Mitbewohner, Nutztier, Versuchstier oder Prestigeobjekt. ‹Komplizen
in der Einzigartigkeit› nennt der Soziologe Tilmann Allert in seinem
Essay das Tier, über das er sich eine erhellende Bemerkung erlaubt,
die diese leise Ironie von Piattis Bildern gemein hat: ‹Das Verhältnis
von Mensch und Tier ist in der Regel Gegenstand einer Verklärung,
die höchst einseitig ist. So vermuten wir.›»
Photonews, Februar 2004
«Wir verhätscheln sie, wir nutzen sie aus, wir töten
und wir essen sie. Dennoch wäre es zu einseitig, nur das Schlechte
in dieser seltsamen Beziehung zu sehen. Livio Piattis Fotoprojekt ‹Zooreal›
setzt genau an dieser Stelle an und versucht das sehr ambivalente Verhältnis
zwischen dem Menschen und der Tierwelt sachlich zu beschreiben. Inhaltlich
wie fotografisch facettenreich, offeriert Piatti in seinem Buch ein breites
Kaleidoskop an tierisch-menschlichen Aspekten, ohne dabei den mahnenden
Zeigefinger aufzurichten. Es ist mehr ein Staunen, das man deutlich spürt,
mit dem der Fotograf spezielle, aber auch ganz alltägliche Situationen
beschreibt. [...]
‹Zooreal› ist also kein militantes, einseitig beobachtetes
Buchs, sondern eine sehenswerte Auseinandersetzung mit der Beziehung zwischen
Mensch und Tier. Bewusst fehlen hier die ganz krassen, aufwühlenden
Aufnahmen aus den Labors der Tierforschung, dennoch ist das Buch alles
andere als ein verniedlichender Tierkalender. Was wir sehen, ist real,
der Alltag zweier Spezies, die so viel trennt und gleichzeitig so viel
vereint – Bruder Tier eben!»
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